Systemkamera und DSLR im Reise-Check: Gewicht, Preis und Qualität

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Kameras für lange Reisen müssen vor allem klein und leicht sein. Auf einem mehrmonatigen Backpacking-Trip oder auf einer Weltreise möchtest Du nicht kiloweise Kameraausrüstung mitschleppen.

Das Problem ist gar nicht so sehr der Transport von A nach B. Es nervt einfach auf Dauer eine schwere Kamera immer mitzutragen. Eine schwere Kamera mag eine bessere Bildqualität haben. Aber die beste Kamera ist die, die Du dabei hast.

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Jeder Reisende will ein Bild von Angkor Wat - gleichzeitig

Einführung Reisekameras

Dieser Artikel ist der erste einer 3er Serie über Reisekameras. Heute geht es um die speziellen Anforderungen an Reisekameras und um die wichtigen Kennzahlen einer Kamera mit kurzen Erklärungen und weiterführenden Links.

Beim nächsten Mal befassen wir uns mit der Reisekamera-Strategie 1 Zoomobjektiv und im 3. Artikel geht es um eine weitere beliebte Strategie, die Reisekamera mit 1-3 Festbrennweiten.

Wenn Dich die graue Theorie nicht interessiert, dann lese gleich in einem dieser beiden Artikel weiter.

Spezielle Anforderungen an eine Reisekamera

Eine Reisekamera-Ausrüstung für eine längere Reise muss 5 Anforderungen erfüllen:

  1. möglichst klein und leicht
    Ein „tragbares“ Zielgewicht ist möglichst 500g oder weniger, mit allem Zubehör.
  2. flexibel einsetzbar
    Einsatzbereiche sind v.a. Architektur-, Landschafts- und Strassenszenen, sowie Portraits.
  3. hohe Bildqualität
    Es muss möglich sein ein Bild als Poster auszudrucken oder als Stockfoto zu verkaufen.
  4. ohne Stativ einsetzbar
    Stative sind schwer, lästig, auffällig und dürfen nicht im Handgepäck mitgeführt werden.
  5. günstiger Preis
    Das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen und der Verlust der Kamera muss ertragbar sein.

Schauen wir uns die 5 Anforderungen an:

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Größenvergleich von DSLR bis Cameraphone © camerasize.com

A. Gewicht und Größe

Eine typische Systemkamera wiegt mit Objektiv fast doppelt so viel, wie eine Kompaktkamera und eine leichte DSLR mit Objektiv wiegt sogar fast 3 Mal so viel. Die Größen der verschiedenen Kameratypen verhalten sich ähnlich zueinander und werden in dem Größenvergleich auf camerasize.com klar, hier mit einer leichten DSLR, einer typischen Systemkamera, einer typischen Prosumer Kompaktkamera und einem Cameraphone.

1. DSLRs (ab 600g mit Wechsel-Objektiv)

Digitale Spiegelreflex-Kameras (DSLRs) sind eigentlich zu schwer und klobig für die Bedürfnisse von uns Reisenden. Die beiden führenden DSLR Hersteller Nikon und Canon bieten aber mittlerweile relativ kleine und leichte Spiegelreflex-Kameras.

Bei Nikon geht es aktuell bei 660g los und bei Canon sogar bei 600g, inklusive Standard Zoom-Objektiv. DSLRs sind aber wegen ihrem optischen Aufbau mit Spiegel und optischem Sucher zwangsläufig relativ groß und klobig, auch die leichtesten Modelle.

2. Systemkameras (400g-500g mit Wechsel-Objektiv)

Gerade bei Reisebloggern sind spiegellose Systemkameras in aller Munde. Systemkameras versprechen Sensorgrößen und damit die Bildqualität einer DSLR. Auch die Objektivauswahl der spiegellosen Systemkameras soll jetzt oder in naher Zukunft auf DSLR-Niveau sein.

Du hast mit einer Systemkamera also alle Vorteile einer DSLR, aber mit einem kleinerem Gewicht und Formfaktor. Tatsächlich sind Systemkameras kompakt genug für die Jackentasche und erreichen oft nur 400-500g inklusive Zoom-Objektiv.

3. Prosumer Kompaktkameras (ab 250g mit Fix- oder Wechsel-Objektiv)

Kameras wie die Canon Ixus waren noch vor wenigen Jahren weit verbreitet. Seitdem aber jedes Smartphone eine brauchbare Kamera hat, sieht man immer weniger Kompaktkameras. Vielleicht steht nun eine neue Kompaktkamera-Welle vor der Tür, mit den „Prosumer“ Kompaktkameras.

Diese neue Generation von Kompaktkameras richtet sich mit 1″ großen Sensoren auch an anspruchsvolle Fotografen. Die im Vergleich zu DSLR und Systemkameras immer noch lächerlich kleine Sensorgröße wird mit lichtstarken Objektiven ausgeglichen. Eine Prosumer Kompaktkamera passt gerade noch in die Hosentasche und wiegt möglichst unter 300g.

4. Kompaktkameras, Cameraphones, Actioncams, Smartphones (ab 0g mit Fix-Objektiv)

Am mobilen Ende des Marktes gab es viel Bewegung. Wo früher die Kompaktkameras herrschten, streiten sich jetzt spezielle Cameraphones von Samsung, Sony und Nokia mit Actioncams wie der GoPro und mit normalen Smartphones wie dem iPhone um die Krone der Hosentaschen-Immer-Dabei-Kamera.

Vor wenigen Jahren war es noch ein Ding der Unmöglichkeit auf eine Reise nur mit einem Smartphone zu gehen und heute ist das fast schon normal. Das Gewicht von Kameras in diesem Bereich ist rein praktisch gesehen Null, denn Dein Handy und Deine GoPro hast Du sowieso dabei.

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Mein Kameramuseum: DSLR, Systemkamera, Prosumer Kompakt und Kompaktkamera

B. Flexibilität

Foto ist nicht gleich Foto. Es gibt Fotografen, die knipsen nur Vögel und es gibt reine Studiofotografen. Beim Reisen spielen vor allem 5 Arten der Fotografie eine Rolle. Die Zahlen für Brennweite und Blende sind ungefähre Orientierungswerte und beziehen sich auf den 35mm Kleinbildbereich (äqu. 35mm).

Fotografie Beispiele Brennweite Blende
Architektur Beispiele 10-30 mm bis f/12
Landschaft Beispiele 21-35 mm bis f/12
Strasse, Shows Beispiele 35-70 mm f/4-f/8
Portrait Beispiele 70-135 mm f/3-f/4
Tiere, Sport Beispiele 135-300 mm f/3-f/4

Es ist leider vollkommen unmöglich mit unseren Gewichts- und Preis-Beschränkungen Tierfotografie zu betreiben. Dazu brauchst Du ein teures und sackschweres Superzoom Objektiv und möglichst ein gutes Stativ. Beim Freistilchaoten gibt es eine gelungene Einführung in die Fotografie auf einer Tiersafari.

Wir interessieren uns hier nur für die verbleibenden 4 Bereiche Architektur-, Landschafts- und Strassenbilder, sowie Portraits.

1. Architektur/Landschaft

Architektur- und Landschaftsszenen laufen Dir nicht davon. Du kannst Dir einen festen Stand für Deine Kamera suchen und dann so lange belichten, wie Du magst. Es macht keinen Unterschied, ob Dein Objektiv eine superschnelle Blende hat. Es macht fast keinen Unterschied, wie groß Dein Sensor ist, wie z.B. ein Vergleich eines 1,7″ Sensor mit einer Hasselblad zeigt, ein 7x so großer Sensor!

Es ist sogar ziemlich egal, wie gut die Belichtung ist, wenn Du einen festen Stand hast. Wichtig ist aber eine Brennweite im Weitwinkel, damit Du alles auf das Bild bekommst. Am Wichtigsten ist der Weitwinkel bei Innenarchitektur. Zur Not kannst Du ein Panorama aus mehreren Einzelbildern stitchen, aber gerade in Innenräumen wird das oft falsch berechnet.

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Tierfotografie, Portrait oder Strassenfotografie?

2. Strasse/Shows

Enge Gassen und Marktszenen sind oft schlecht beleuchtet. Dazu kommt noch, dass Du dort wahrscheinlich Menschen in Bewegung fotografieren willst. Eine noch schwierigere Situation für die richtige Belichtung ist der Besuch einer traditionellen Zeremonie, einer kulturellen Show oder einer Tanzvorführung. Die Bewegungen fallen hier oft noch schneller aus und im schlimmsten Fall ist die Vorführung in einem Gebäude oder bei Dämmerung/Nacht.

Für solche Situationen bist Du auf eine kurze Belichtungszeit angewiesen. Die erreichst Du mit einer aktuellen Sensorgeneration für niedriges Rauschverhalten und einem großen Sensor zusammen mit einem lichtstarken Objektiv (f/4 oder weniger äqu. 35mm) für eine größere einfallende Lichtmenge. Während Du bei Architektur- und Landschaftsfotografie mit einem Smartphone hervorragende Ergebnisse erzielen kannst, stellt die Strassenfotografie höhere Ansprüche an die Kamera und an den Fotografen.

3. Portrait

Wenn Du eine Person fotografieren willst, dann möchtest Du einen Kontrast zum Hintergrund und manchmal zum Vordergrund erreichen, egal ob durch Farbe, Belichtung, Komposition oder Fokus. Da Du gerade bei Schnappschüssen auf Reisen oft keinen Einfluss auf Belichtung, Farbe und Komposition hast, lässt sich ein Kontrast am Einfachsten durch die Beeinflussung der Tiefenschärfe herstellen. Das heißt Du willst möglichst nur die Person scharfstellen und den Hintergrund in sogenanntem Bokeh verschwimmen lassen. Die Unschärfe ist also in diesem Fall gewollt.

Um selektive Tiefenunschärfe zu erreichen, braucht die Kamera gute optische Eigenschaften, also einen großen Sensor und ein lichtstarkes Objektiv. Für richtig schöne Portrait-Aufnahmen brauchst Du leider richtig große Blenden, möglichst f/3 oder weniger (äqu. 35mm), also eine Festbrennweite und ein kleiner Crop-Faktor des Sensors.

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Der Hintergrund löst sich mit einer Festbrennweite in Bokeh auf

C. Bildqualität

Es gibt viel Verwirrung, was bei einer Kamera ausschlaggebend für ein gutes Bild ist. Die Marketingabteilung würde gerne Kameraqualität als eine Zahl darzustellen, wie früher beim Megapixel Wahn. Ganz so einfach ist es leider nicht, aber kompliziert ist es auch nicht. Es gibt nämlich nur 2 Bauteile, die hauptsächlich für ein hochwertiges Bild verantwortlich sind.

1. Kamera = Sensor + Objektiv

Stell Dir eine Kamera bitte für die Betrachtung der Bildqualität als dummen Kasten vor, mit nur 2 wichtigen Bauteilen für Bildaussehen und Bildqualität:

  • Digitaler Sensor (inkl. Auslesevorrichtung)
    Größe, Rauschverhalten, Quantenausbeute, Dynamikbereich, Farbpixelanordnung, Auflösung
  • Kamera-Objektiv
    Brennweite, Blende, Schärfe, Verzeichnung, Vignettierung, Chromatische Aberration

Den Rest der Kamera betrachten wir in Vereinfachung als dummen Kasten.

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Der Sensor ist das Herz einer Kamera

2. Digitaler Sensor

Beim Sensor spielen in erster Linie Größe und Technologie eine Rolle.

Sensorgröße

Die Sensorgröße ist die wichtigste Kennzahl einer Kamera und hat einen großen Einfluss auf die optische und digitale Performance. Die Sensor-Größe wird in Form eines Crop-Faktors angegeben. Weil die Sensorgöße den Formfaktor und damit das Gewicht einer Kamera vorgibt, dient sie auch dazu verschiedene Kamera-Typen zu unterscheiden (Mediumformat, Vollformat, APS-C, 4/3-Format, 1″, …).

Generation

Neuere Sensor-Generationen haben grundsätzlich eine bessere Quantenausbeute und ein besseres Rauschverhalten für eine bessere Leistung bei schlechten Lichtverhältnissen. Eine größere Lichtsättigung sorgt außerdem für einen größeren Dynamikbereich und erstklassige Farbfilter für eine gute Farbtreue.

Beachte bitte, dass neue Sensor-Generationen eines Herstellers teurer sind und daher zuerst in kleineren Sensoren eingesetzt werden. Kleine Sensoren sind deshalb oft nicht so schlecht, wie sie auf dem Papier aussehen. Genaue Daten zu Größe, Quantenausbeute, Rauschverhalten und Lichtsättigung von aktuellen Sensoren gibt es bei Sensorgen.

Auflösung

Die Auflösung eines Sensors in Megapixeln ist relativ egal für die Performance, so lange sie für Ausschnitte und Ausdrucke in Postergröße mehr als etwa 8MP beträgt. Vergiss Megapixel!

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Festbrennweite (50mm f/1,8) und Standardzoom (18mm-55mm f/3,5-f/5,6)

3. Kamera-Objektiv

Die Kennzahlen eines Objektivs sind die Brennweite und die maximale Blende.

Brennweite

Die Brennweite bestimmt zusammen mit der Sensorgröße den Zoomfaktor. Es gibt Objektive, die nur eine Brennweite und damit nur einen Zoomfaktor erlauben, sogenannte Festbrennweiten. Beliebter sind Objektive, die einen Brennweitenbereich abdecken, sogenannte Zoom-Objektive.

Blende

Die maximale Blende beschreibt die maximale Lichtstärke des Objektivs und gibt zusammen mit der Sensorgröße die einfallende Lichtmenge vor. Die maximale Blende ist bei Festbrennweiten besser als bei Zoom-Objektiven. Die Blende wird logarithmisch invers zur Basis Wurzel 2 als sogenannte f-Zahl angegeben.

Je kleiner die f-Zahl, desto größer ist also die maximale Blende und zwar exponentiell. Zwischen f/8 – f/5,6 – f/4 – f/2,8 – f/1,4 – f/1 findet jeweils eine Verdopplung der Lichtstärke statt. Ja, ich finde das auch super verwirrend und habe deshalb für den Kameravergleich in den nächsten Artikeln auf lineare Werte proportional zur einfallenden Lichtmenge umgerechnet.

Schärfe

Zu den Kennzahlen kommt als weiteres Merkmal noch die Schärfe eines Objektivs. Die meisten aktuellen Objektive namhafter Hersteller sind ausreichend scharf. Alle Objektive sind in der Mitte schärfer als am Bildrand, vor allem im Weitwinkel bei voll offener Blende. Am besten Du verwendest nie die maximale Blende, wenn es nicht wegen schlechter Lichtbedingungen sein muss. Der Automatik-Modus oder Programmautomatik-Modus macht das für Dich.

Testmuster

Es gibt Menschen, die fotografieren stundenlang Testmuster um Objektive zu testen. In der Praxis sind Testmuster und diese Ergebnisse nicht so wichtig. Wenn wichtige Bildelemente in den Ecken Deiner Bilder auftauchen, dann ist die Schärfe und der Lichtabfall nicht das Problem des Bildes. Die nicht ganz optimal scharfe Tanne im linken unteren Bildrand spielt einfach keine Rolle für Dein Bild. Dein Motiv ist möglichst in einem der 4 Brennpunkte des Bildformats und dort sind die meisten Objektive scharf.

Verzerrungen

Verzerrungen und chromatische Aberrationen spielen heute keine so große Rolle mehr, weil sie bei JPEG in der Kamera herausgerechnet werden und bei RAW automatisch in der Nachbearbeitung mit z.B. DXO-OpticsPro oder Lightroom.

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Größenvergleich Sensoren © lensvid.com

4. Das Kamerasystem in 35mm Kleinbild Äquivalenz

Die optischen Kennwerte Blende, Brennweite und Sensorgröße bedingen Zoomfaktor und einfallende Lichtmenge. Leider wird in der Fotografie nicht direkt vom Zoomfaktor und dem Lichteinfall eines Kamerasystems gesprochen sondern von der äquivalender Brennweite und der äquivalenten Blende im sogenannten 35mm Kleinbildbereich oder auch Vollformat Äquivalenz.

Berechnung

Um die 35mm Vollformat Äquivalenz zu erreichen, werden optische Blende und optische Brennweite mit dem Crop-Faktor des Sensors multipliziert. So erreichst Du Kennzahlen, die ein äquivalentes Objektiv in einem 35mm Vollformat-System beschreiben (mit Crop-Faktor 1,0).

Kamerasystem oder Objektiv?

Diese äquivalenten Werte für Blende und Brennweite sind missverständlich, denn es handelt sich nicht mehr um die Kennzahlen eines Objektivs sondern die Kennzahlen eines gesamten Kamerasystems. Eigentlich müsste man Zoomfaktor und einfallende Lichtmenge (Lichteinfall) sagen, aber die Äquivalenzen haben sich eingebürgert.

Mißverständnis bei der Blende

Fast niemand bezweifelt, dass der Zoom-Faktor von Brennweite UND Sensorgröße abhängt, aber es hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass es sich bei der Blende genauso verhält. Die einfallende Lichtmenge ist ähnlich wie beim Zoom-Faktor von allen beteiligten optischen Kennwerten abhängig, also Blende UND Sensorgröße (Für die einfallende Lichtmenge und Tiefenunschärfe ist die Brennweite egal).

Beispiel

Ein f/1,8 Objektiv an einer Kamera mit einem Sensor mit dem Crop-Faktor 2,7 ist nicht besser als ein f/4,9 Objektiv an einer Kamera mit einem Sensor mit Crop-Faktor 1,0 (Kleinbild/Vollformat). Die einfallende Lichtmenge bei einem f/1,8 Objektiv an einer Kamera mit einem Crop-Faktor 1,0 wäre im Vergleich dazu fast 8 Mal so hoch! Die reinen optischen Werte des Objektivs sagen für sich alleine genommen nichts über die Leistung bei schlechten Lichtbedingungen und die mögliche Tiefenunschärfe aus.

Datenbank für Äquivalenzwerte

Wenn Dir die Berechnung zu kompliziert ist, kannst Du bei DigicamDB alle Äquivalenzwerte nachschauen. Die meisten anderen Seiten geben zwar die äquivalente Brennweite an, aber statt äquivalenten Blenden geben sie nur die optischen Blenden des Objektivs an. Das ist beim Vergleich von Kamerasystemen mit verschiedenen Sensorgrößen nicht ausreichend. Neuerdings scheint auch dpreview die äquivalenten Werte aufzuführen.

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Sensorgrößen by MarcusGR CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

5. Sensor vs. Objektiv

Was ist wichtiger für ein gutes Bild: ein guter Sensor oder ein gutes Objektiv?
Antwort: Beides!

Wenn Du das beste Objektiv kaufst und an Dein Smartphone klebst, dann ist der viel zu kleine Handy-Sensor der Flaschenhals im System. Wenn Du die teuerste DSLR mit einem f/8 Noname Objektiv betreibst, dann erwarte bitte keine Wunder. Achte also immer auf alle 4 Kennzahlen gleichzeitig: Sensorgröße, Sensorgeneration, Objektiv-Brennweite und Objektiv-Blende.

Aber lass Dir vom Verkäufer keine Angst einreden. Die meisten modernen Kameras und Objektive namhafter Hersteller haben eine hervorragende Qualität. Es gibt fast keine schlechte Kamera. Verwende im Zweifelsfall ein Objektiv vom Kamerahersteller, also ein Nikkor Objektiv mit einer Nikon Kamera. Das Kit-Objektiv der meisten Hersteller ist oft hervorragend für normale Ansprüche.

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Haltetechnik an einer Fisher-Price

D. Ohne Stativ einsetzbar

Wann brauchst Du ein Stativ? Es gibt Fotografen, die würden „immer“ sagen. Für uns Reisende gibt es die reziproke Regel.

1. Reziproke Regel

Diese Faustregel besagt, dass die kleinste mögliche Belichtungszeit der umgekehrten Brennweite entspricht. Also für 50mm Brennweite (äqu. 35mm) sollte Deine Belichtungszeit nicht länger als 1/50 Sekunde sein. Wenn die Belichtungszeit länger ist, dann verwackelst Du wahrscheinlich, wenn Du die Kamera in der Hand hältst.

Für Superzooms von 200mm (äqu. 35mm) und mehr brauchst Du nach dieser Regel so gut wie immer ein Stativ. Je größer der Zoom, desto mehr werden auch kleine Verwackler an der Kamera vergrößert.

2. Menschenverstand

Die reziproke Regel ist nur eine grobe Orientierung und ist oft nicht besser als der gesunde Menschenverstand: Ein Landschaftsfoto am hellichten Tag mit Weitwinkel kannst Du ohne Probleme aus der Hand schiessen. Für die gleiche Szene nach Sonnenuntergang brauchst Du unbedingt einen festen Stand.

Neben dem gesunden Menschenverstand kannst Du Dich außerdem auf den Bildschirm Deiner Kamera verlassen. Prüfe immer in der Vergrößerung, ob Du ein Foto verwackelt hast und mach es einfach nochmal.

3. Bildstabilisator

Eine Art „Stativ light“ steckt in fast jedem aktuellen Zoom-Objektiv. Der Bildstabilisator hat genau den gleichen Einsatzbereich, wie ein Stativ: Er hilft gegen Verwackeln durch den Fotografen. Es ist dabei ziemlich egal, ob es sich um Nikons VR, Canons IS oder Sonys OSS handelt.

Angeblich helfen die Bildstabilisatoren dieser Hersteller gegen 4 Stops (Verdopplungen) Verwacklung, also so, als wäre es 16 Mal so hell, bzw. als müsstest Du nur 1/16 so lang belichten. Lege beim Kauf eines Zoom-Objektivs unbedingt Wert auf einen Bildstabilisator, so kannst Du auf das Stativ tagsüber verzichten.

4. Schwaches Licht

Stativ und Bildstabilisator bringen rein gar nichts, wenn Du in schwierigen Belichtungssituationen schnell bewegliche Motive ablichten willst, zum Beispiel Menschen in einer dunklen Seitengasse oder im Zwielicht. Für so etwas hilft nur ein lichtstarkes Objektiv und ein großer Sensor mit guter Quantenausbeute und gutem Rauschverhalten für hohe ISO-Werte. Gleichzeitig hilft eine gute Optik und ein guter Sensor auch gegen Verwackeln.

5. Haltetechnik

Auch die richtige Haltetechnik spielt eine große Rolle. Halte Deine Kamera immer mit beiden Händen. Stütze Deine Ellenbogen möglichst ab. Lehne dich möglichst irgendwo an oder geh in die Hocke. Leg Dich, wenn möglich sogar auf den Boden. Es hilft auch möglichst viele Bilder einer Szene zu machen, so dass ein gutes dabei ist.

Manchmal hilft es sogar die Kamera auf Deinem eigenen Kopf abzustützen (kein Scherz, vorher fokussieren, anlehnen und Luft anhalten). Noch besser ist ein Hühnerkopf (Scherz). Sei kreativ und lese diesen Artikel.

6. Hilfsmittel

Wenn Die Belichtungssituation hoffnungslos ist, kannst Du einen Stand zur Not oft improvisieren, sei es indem Du die Kamera auf ein Geländer, auf eine Treppe oder auf einen Stuhl legst. Verwende Objektivdeckel und Kameragurt zum Nivellieren.

Oder nimm leichtes Zubehör mit:

Dein Kameragurt ist im Notfall ein Ersatz für das Schnurstativ, z.B. um den Hals.

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Schwere Stative sind oft nicht nötig

E. Günstiger Preis

Willkommen im flocblog, hier versuchen wir nicht unnötig viel Geld auszugeben.

1. Preisspiegel

Die gute Nachricht ist, dass Du schon für 300-400 Euro eine aktuelle Systemkamera mit Kit-Objektiv bekommst, die die 4 anderen Anforderungen erfüllt. Für 450 Euro bekommst Du sogar schon die leichtesten Spiegelreflex-Kameras von den DSLR Marktführern Nikon und Canon mit Kit-Objektiv.

2. Vorjahresmodell

Ein besserer Deal ist oft das Vorjahresmodell. Die top Systemkamera vom letzten Jahr hat einen Nachfolger bekommen? Kaufe nicht die neue Kamera sondern das Preis-Leistungs-starke Vorgängermodell als Neuware. Halte auf Kamera Seiten Ausschau nach Ankündigungen neuer Kameramodelle und kaufe bevorzugt nach großen Kamera-/Elektronikmessen.

Wenn es Dir nichts ausmacht, schiess Dir eine gebrauchte Kamera oder einen Rückläufer bei eBay und bei der amazon Resterampe (Warehouse Deals).

3. Im Ausland

Wenn Du schon im Ausland bist und unterwegs dringend Ersatz brauchst, kannst Du in größeren Städten gebrauchte Modelle auf Craigslist suchen. Leider ist in vielen Ländern, vor allem in Lateinamerika Elektronik sehr viel teurer als daheim.

In den USA ist Elektronik günstiger als bei uns, bei manchen Herstellern auch in Indien. In den riesigen Elektronik Malls in China und südostasiatischen Großsstädten kannst Du bei manchen Herstellern auch ein Schnäppchen machen, vor Allem wenn Du die Mehrwertsteuer am Flughafen vor dem Heimflug zurückfordern kannst, z.B. in Bangkok.

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Auf dem Rattanakosin Nachtmarkt solltest Du besser keine Kamera kaufen

Offene Fragen

Herzlichen Glückwunsch, Du hast Dich durch einen Almanach von 3000 Worten gelesen. Für weitere Fragen schreib einfach in die Kommentare oder suche auf Photography Stackexchange.

Natürlich haben wir die wichtigsten Fragen noch nicht geklärt:

  • Welche Kameras entsprechen Deinen Bedürfnissen?
  • Welche Auswahl auf dem Markt fällt in Dein Budget?

Ausblick

In den nächsten beiden Artikeln versuchen wir einen Kompromiss zu finden zwischen Preis, Gewicht, Bildqualität und Flexibilität. Es gibt wegen der Gewichtsbeschränkung grundsätzlich 2 beliebte Strategien für Reisekameras:

Bis dahin, gutes Licht!

 

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Deine Meinung? Sei freundlich. Verlinke ruhig.
  1. martin says:

    Hallo,

    Das ist einer der besten und aufschlussreichsten Beiträge zum ganzen Thema „Die richtige Kamera finden und was bedeuten denn bloß all diese Zahlen und Begriffe“.

    Vielen Dank, dass Du Dir die Mühe machst. Ich habe alles Bistum Schluss gelesen und freue mich auf die Fortsetzung. Und dabei bin ich eigentlich schon sehr erfahren. ;-)

    Viele Grüße,
    Martin

    Antworten
  2. Tobias says:

    Das mit der teuren Elektronik in Latainamerika kann ich nur bestätigen ;-) Super Beitrag.

    Antworten
    • Echt krass oder? Selbst in großen, mondänen Städten in Lateinamerika.

      Ein Kumpel hat sich seine regelmäßigen Flüge nach Kolumbien finanziert, indem er jedes Mal 1 neuen Laptop, 2 neue Handys und weitere Elektronik mitgebracht und verkauft hat.

      Ich habe vor einem Flug Peru nach USA meinen gebrauchten Ersatzkindle in Lima verkauft und in den USA den gleichen wieder auf ebay gekauft. Fast $50 USD Gewinn und das Mädel war noch echt froh!

  3. Chris says:

    Super Zusammenfassung des Themas! Bei mir steht demnächst eine Kamera Neuanschaffung an, da kommen deine Artikel genau zur richtigen Zeit :-) Danke auch für die vielen interessanten weiterführenden Links, das sorgt für ausreichend Lesestoff in den nächsten Wochen.

    Antworten
  4. Julia says:

    Toller Blogartikel, danke!
    Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht wirklich intensiv mit Fotografie beschäftigt, aber du hast es auch für unerfahrene Hobbyfotografen wie mich sehr anschaulich erklärt! Bis jetzt habe ich für meine Reisefotografien immer mein Smartphone verwendet (ganz früher eine einfache Kompaktkamera), aber ich bin in Überlegung, in eine Systemkamara zu investieren. Mir ist einmal mein Handy im Urlaub kaputt gegangen, und mit ihm meine ganzen Urlaubsfotos – ziemlich ärgerlich, alle schönen festgehaltenen Erinnerungen für immer gelöscht…

    Antworten
  5. @Chris und @Julia und alle anderen Kamera-Interessierten:
    Es gibt jetzt einen weiteren Artikel mit einer Kameraübersicht. Viel Spass!

    Antworten
  6. Patrick says:

    Hey Florian,
    finde deinen Foto-Einstieg echt Hammer. Selten hab ich so eine gute und kurze (trotz der über 3000 Worte ;) ) Einführung und Zusammenfassung gesehen!
    Danke auch für die Erwähnung und Verlinkung :)

    @Julia
    Falls du mit dem Handy bzw. Smartphone fotografierst, würde ich dir raten die Cloud-Synchronisation zu aktivieren. Sobald du dann WLAN hast die Bilder in die Cloud pushen lassen, am Besten noch automatisch. Dann reduzierst du deinen Verlust, falls du dein Handy schrottest.
    Patrick

    Antworten
  7. Jana says:

    Hey Florian,

    Ich bin gerade auf deine Seite und deinen wirklich sehr aufschlussreichen Artikel gestoßen! Danke!
    Ich bin bis jetzt immer mit der DSLR gereist, weil ich doch ziemlich viel Wert auf gute Bilder lese, doch bei meiner nächsten Tour bin ich definitiv auf der Suche nach einer passenden Systemkamera.

    Liebe Grüße,
    Jana

    Antworten
    • Hi Jana,

      Die Qualität ist mir auch wichtig, aber gerade eine Einsteiger-DSLR mit Kit-Objektiv bietet keine Vorteile gegenüber einer Mirrorless.

      Ich bin mittlerweile sogar ganz minimal bei einer Pro-Compact gelandet, der Canon G7X. Qualitativ kein Unterschied zur Einsteiger-DSLR und in Punkten wie Gewicht und Unauffälligkeit ein großes Upgrade.

      In 2 Wochen kommt ein Artikel zur Langzeiterfahrung mit der kleinen G7X als Reisekamera, bis dahin die ersten Eindrücke mit der G7X als Reisekamera.

      Grüsse,
      Florian

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