Bettler auf Reisen: Gründe für extreme Armut in Indien

Wegen einer überraschenden Währungsreform stehe ich in Indien ohne Bargeld da. Was für mich nur einen halben Tag dauert ist für viele Millionen Inder trauriger Alltag.

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Frühstück aus dem Müllcontainer, Sarnath

Ich wache auf in Varanasi mit nur 23 Rupien (0,31€) in der Tasche. Mein letztes Geld hat gerade noch für ein billiges Hotel am Bahnhof gereicht.

Ich bin ohne Bargeld in Indien und ein wenig aufgeschmissen.

Pleite bin ich nicht, mein Bankkonto ist im Plus. Normalerweise würde ich ganz einfach mit der Kreditkarte 10.000 Rupien ziehen. Wenn das nicht möglich ist, kann ich noch meine Notfall-Euros wechseln. Aber alle Geldautomaten und Geldwechsler in Indien haben seit Tagen kein Bargeld.

Indien schaffte am 9. November 2016 zur Bekämpfung von Schwarzgeld überraschend seine größten Scheine, 500 und 1000 Rupien ab. Auch mehr als eine Woche später kommt niemand auf dem normalen Weg an gültige Scheine, egal ob Touristen oder Einheimische.

Vor jeder Bank steht seit Tagen eine Schlange von teilweise über hundert Menschen, die nicht wissen ob ihr Geld noch etwas wert ist.

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Schlange vor einer Bank nach der Währungsreform, Sarnath

Indien geht furchtbar mit seinen Armen um

In welchem Land ist es am schlimmsten kein Geld zu haben? Arm oder gar obdachlos sein ist nirgendwo schön, aber wenn es ein Land gibt, das grauenvoll mit seinen Armen umgeht, ist das Indien und die Stadt Varanasi scheint nach Kolkata ein besonders schlimmer Fall zu sein.

Ein schwacher Trost ist, dass du ohne Geld in Indien nie alleine bist. An jeder Straßenecke sitzen verlumpte Bettler. Vor jedem größeren Bahnhof siehst Du Familien mit von Fliegen übersäten Kindern. Durch jedes Bahnabteil schiebt sich ein Krüppel. Betteln scheint in Indien fast ein normaler und extrem mieser Beruf zu sein…

Viele Reisende die zum ersten Mal nach Indien kommen ertragen das Elend kaum. Aber je länger Du bleibst, desto weniger siehst Du davon. Die vielen indischen Millionäre haben wahrscheinlich seit Jahren keine Armen mehr gesehen und wenn dann nicht bewusst.

Der indische Premier hat bei dieser Währungsreform wahrscheinlich keine Rücksicht auf die Unterschicht genommen, sonst wäre das anders abgelaufen. Die Armen trifft der Bargeld-Mangel mangels Alternativen am härtesten und es sind schon mehrere Todesfälle bekannt, weil keine 500er und 1000er im Krankenhaus akzeptiert wurden.

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Alter Mann auf der Strasse, Sarnath

Wenig Geld hilft viel in Indien

Ganz mittellos bin ich noch nicht. Umgerechnet 31 Cent sind zwar selbst in Indien nicht viel Geld, aber ich könnte mit meinen 23 Rupien eine Kleinigkeit frühstücken und dazu einen Chai trinken oder eine richtige Mahlzeit essen ohne Chai.

Obwohl Du in Indien mit wenigen Euro am Tag über die Runden kommst, gibt es hier sehr viel extreme Armut. Das im Moment unerreichbare Geld auf meinem Bankkonto wäre wahrscheinlich genug um eine indische Großfamilie über Monate oder Jahre zu ernähren.

Ich trinke keinen Henkers-Chai mit meinen letzten Rupien, sondern mache das, was man als Tourist eigentlich lassen sollte: Ich begebe mich in die Fänge eines Tuk Tuk Fahrers, der gut englisch spricht. Diesmal ist das eine gute Idee. Kurz darauf hat er mir ein Frühstück vorgeschossen und erklärt mir seine Idee, wie ich an Bargeld komme.

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Frühstück: Puri für 20 Rupien, Varanasi

Der Mythos vom authentischen Reisen

Du könntest jetzt sagen, dass meine Indien-Reise ruiniert ist, weil ich meine Route ändern musste. Eigentlich wollte ich nicht noch ein drittes Mal nach Varanasi. Aber in den kleinen Orten auf dem Buddha Trail, die ich eigentlich besuchen wollte war es unmöglich Bargeld zu bekommen. Nicht einmal einen Internetzugang konnte ich finden um zu sehen was überhaupt los ist.

Ruiniert ist gar nix. Mit so einer Einstellung überlebt man als Individualreisender nicht in Indien. Indien ist immer im Wandel und ein Reiseplan in Indien muss so biegsam sein wie ein Yoga-Meister. Wenn Du versuchst etwas zu erzwingen, dann verzweifelst Du an diesem Land.

Es wird viel Aufhebens um authentisches Reisen gemacht. Oft ist damit traditionelle Kleidung gemeint und selbst Armut wird im Namen der Authentizität verherrlicht, zum Beispiel ein Reisbauer auf dem Feld. „Oh, wie authentisch“ sagen wir und machen ein Foto. Ich will mich da selbst gar nicht ausnehmen, ich stehe total auf solche Klischees.

Aber Authentizität dulden wir nur dann, wenn sie uns nicht beeinträchtigt. In Indien sind viele andere Dinge genauso authentisch: der Verkehr, der Lärm, der Dreck, die Stromausfälle. Wenn die Inder ihren Alltag unterbrechen müssen um stundenlang vor der Bank zu stehen ist auch das authentisch. Ich bin nicht glücklich darüber es ihnen gleichzutun, aber ich lerne Indien so besser kennen als vor dem Taj Mahal oder auf dem Buddha Trail.

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Geld tauschen auf dem Schwarzmarkt in Indien

Mein Tuk Tuk Fahrer bringt mich zu einem der Seidenshops, zu denen Tuk Tuk Fahrer Touristen eben bringen, weil sie Kommission für jeden Einkauf bekommen. Diesmal bin ich aber gerne dort. Ich will kein Seidentuch, sondern Geld wechseln. Der Besitzer hat heiß begehrtes gültiges Bargeld und ist gerne bereit mir zu helfen – für seinen Preis.

Im Verkaufsraum stehe ich zwischen bunten Seidenshirts und Sarees. Ganz schön farbenfroh für einen Schwarzmarkt-Handel. Ich bekomme für meine 100 Notfall-Euro 6000 indische Rupien als riesigen Stapel in den nach wie vor gültigen Hunderter Scheinen. Zum offiziellen Kurs hätte ich 7300 Rupien bekommen, aber das ist nun auch schon egal.

Hauptsache die nächsten Tage sind gerettet. Vielleicht funktionieren bis nächste Woche die Geldautomaten wieder und wenn nicht gibt es mehr als genug Seidenläden in Indien. Außerdem: was soll schon Schlimmes passieren? Ich bin weiß und komme aus einem der reichsten Länder der Welt. Don’t kill the messenger, es ist auch im postkolonialen 21. Jahrhundet noch sehr kolonial…..

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Obdachloser in Downtown Los Angeles

Der amerikanische Traum verdirbt die Moral

Nicht alle Westler haben es automatisch gut. Auch die USA geht sehr schlecht mit ihren Armen um und lässt sie auf der Strasse vegetieren statt ein verlässliches Sozialprogramm auf die Beine zu stellen wie bei uns in Europa. Das liegt nicht zuletzt am amerikanischen Traum: „Wer wirklich will, schafft es vom Tellerwäscher zum Millionär.“

Wenn ein ganzes Volk das glaubt, dann bleiben alle die auf der Strecke, die es noch nicht einmal zum Tellerwäscher schaffen. Und die Millionäre fühlen sich berechtigt die Obdachlosen mit Füssen zu treten, weil sie nach dieser Logik ihre Armut selbst verschuldet und nicht anders verdient haben.

Der Witz ist, dass die soziale Mobilität in den USA sehr niedrig ist, noch niedriger als bei uns. Wenn Du heute in den USA einen Millionär siehst, war der früher wahrscheinlich kein Tellerwäscher, sondern seine Eltern waren auch schon Millionäre. Die Meritokratie funktioniert nicht und die Ungleichheit wird immer größer.

Auch wenn der amerikanische Traum längst geplatzt ist, gilt er weiter als moralische Rechtfertigung um alle unter sich mit Füssen zu treten und sei es nur indem man libertäre Politik unterstützt. So wird der amerikanische Traum zum sozialen Alptraum…

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Krüppel auf der Strasse, Varanasi

Gründe für indische Armut und Teufelskreis Wiedergeburt

Der indische Alptraum ist noch schlimmer als der amerikanische. Nicht nur in diesem Leben bist Du an dem was Dir passiert selbst Schuld, sondern auch im nächsten. Schon Deine Geburt ist direkte Folge von der Menge an Karma, die Du im letzten Leben gesammelt hast.

Wer in der Gosse liegt war im letzten Leben ein böser Mensch und hat es so verdient. Wer in der Gosse liegt und sich gut damit abfindet kann so fürs nächste Leben Karma sammeln. Bei so einem gnadenlosen Fatalismus bleibt natürlich nicht viel Raum für Mitleid.

Das immer noch sehr starke Kastensystem schafft außerdem soziale Mobilität beinahe ab. Am Nachnamen kannst Du in Indien die Kastenzugehörigkeit erkennen. Als Unberührbarer hast Du wenig bis keine Ausbildungs- und Jobchancen. Du bleibst da wo Deine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren. Als Frau hast Du es noch schwerer und wehe Du wirst Witwe oder alt ohne genug Kinder.

Kritik am Kastensystem war in der Vergangenheit ein Grund für das Entstehen von Sikhismus und mehreren Hindu Reformversuchen. Viel geholfen hat das leider nicht. Auf dem Land ist in Indien alles noch wie im Mittelalter. Zumindest In Großstädten spielt die Kastenzugehörigkeit langsam eine geringere Rolle.

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Krüppel auf der Strasse, Varanasi

Bekämpfung von extremer Armut fängt im Kopf an

So einfach wie ich haben es die Inder auf der Strasse nicht. Der Armut zu entkommen scheint nicht nur schwer, sondern unmöglich. Wenn Du von der Hand in den Mund lebst, geht Dein Planungshorizont nicht über die nächste Mahlzeit hinaus. Wenn Du gar kein anderes Leben kennst, was willst du dann ändern?

Das Leben ist ungerecht und diese Menschen haben nie eine halbwegs faire Chance bekommen. Wenn Du an ihrer Stelle in Indien geboren worden wärst, würdest Du auch heute an ihrer Stelle in der Gosse liegen.

Wir alle, die diesen Text lesen können, haben die Geburtslotterie gewonnen zusammen mit etwa 1 Milliarde anderer Menschen. Das heißt wir müssen Zeit unseres Lebens nicht mit Hunden um Essensreste kämpfen. Je mehr wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir unseren Status selbst verdient haben, desto eher können wir Mitleid zeigen mit den restlichen 6 Milliarden, die weniger Glück hatten.

Natürlich gibt es im Durchschnitt einen Zusammenhang zwischen Leistung und Verdienst. Aber es geht um ganz andere Größenordnungen. Der viel beschwörte faule Hartz-IV-Empfänger ist auf einer Wohlstands-Skala bei 9 und der Millionär bei 10. Der obdachlose Inder ist bei 1, ohne sauberes Trinkwasser. Und er bleibt dort, egal was er tut.

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Diese spielenden Jungs bekommen keine faire Chance, Kushinagar

Moralisches Handeln und der Denkfehler Nahmoral

Wir alle haben eine „Nahmoral“ und eine „Fernmoral“. Wenn die Armut vor uns auf der Strasse liegt und uns anbettelt finden wir das schlimm und schockierend. Wenn die Armut irgendwo in Indien bleibt, finden wir das zum Gähnen. Um diesen Denkfehler zu beheben ist eine Reise nach Indien sehr empfehlenswert und kann Deine Weltsicht verändern.

Gehe nach Indien und reflektiere wie viel Glück Du bei der Geburtslotterie hattest. Danach wirst Du es schwer finden Dich über irgendetwas in Deinem Leben zu beschweren. Indien befreit uns von unseren Sorgen und macht sie zu Erstwelt-„Problemen“, die nicht der Rede wert sind.

Wenn Du mich fragst, gibt es zwei Arten von Menschen:

  1. Die, die schon in Indien waren.
  2. Die, die noch dorthin gehen sollten.
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Banken in Indien erkennt man an der Schlange, Gorakhpur

Bettler in Indien: Geld geben, helfen oder spenden?

Vielleicht macht Dich Indien sogar zum Altruisten, aber das musst Du selbst entscheiden. Mit Deiner Reise hilfst Du auf jeden Fall der indischen Wirtschaft, vor allem als Backpacker. (Gründe z.B. längere Verweildauer, bessere Geldverteilung, lokaler Konsum statt Import, Kleinunternehmer statt Angestellte, 30% statt 70% Leckverlust…)

Ob Du vor Ort in Indien Bettlern etwas geben solltest oder nicht, kommt auf die Situation an. In einem touristischen Umfeld richtest Du damit eher Schaden an. Kindern solltest Du nie etwas geben sonst gehen sie womöglich betteln statt in die Schule – ein Teufelskreis.

Als ich zum ersten Mal nach Indien kam, verstand ich plötzlich den Impuls alles daheim aufzugeben um hier den Menschen zu helfen. Trotzdem, Freiwilligenarbeit ist keine gute Idee und die Vorstellung mit den eigenen Händen zu helfen nicht mehr als ein Ego-Trip infolge eines White Saviour Komplexes.

Grundsätzlich ist es besser an effiziente Organisationen zu spenden als Bettlern Geld zu geben oder Voluntourismus zu machen, eine gut recherchierte Liste gibt es bei Give Well. Wenn Du gezielt nach Indien spenden willst, schau Dir Give India an.

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Indischer Bürokratenhumor: Kommen Sie bitte in 3 Wochen wieder...

Bilder aktuell von Mitte November 2016. Nix Archiv, alles live…

Was denkst Du zur extremen Armut in Indien und im Rest der Welt?

Mehr Gedanken zu Fernmoral und Nahmoral bei Peter Singers TED Talk. Achtung: Singers Standpunkt wirkt beim ersten Mal extrem, aber das gibt sich.

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade Mein nachdenklichstes Erlebnis auf Reisen

 

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  1. Thomas says:

    Danke für den ehrlichen Bericht. Ich bin selber einige Male in Indien gewesen und kann Deinen Gedanken, dass so ein Besuch die eigenen Weitsicht erhöht nur unterschreiben.

    Antworten
  2. Chris says:

    Gut geschriebener und zum Nachdenken anregender Artikel zu einem Thema, was viel zu selten thematisiert wird. Auch wenn ich noch nicht in Indien war, kann ich deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, schließlich gibt es extreme Armut in so vielen Ländern. Da brauche ich nur bei mir in Santo Domingo vor die Haustür gehen und ggf. noch das Barrio besuchen.
    Das Beispiel mit der Position eines Hartz-IV-Empfängers auf der Wohlstands-Skala ist extrem gut gewählt, denn nur so versteht man, dass alle Probleme in D eigentlich keine Probleme sind … aber das lernt man erst und nur, wenn man reist und sich den lokalen Gegebenheiten (und Problemen) vor Ort öffnet.

    Antworten
    • Danke Chris. Natürlich muss man nicht nach Indien um Zustände wie in Indien zu sehen. Gerade wir Backpacker reisen ja gerne in Entwicklungsländer, da sieht man das leider auf fast jedem Kontinent.

      Es stimmt: Wenn man Deutschland nie verlässt, fällt es sehr schwer zu verstehen, dass man als Deutscher/Österreicher/Schweizer von Haus aus und ohne eigenes Zutun viel mehr mit Bill Gates oder Warren Buffet gemeinsam hat als mit den allermeisten anderen Menschen.

      Ich wollte den Hartz-IVler erst bei 9,5 von 10 ansiedeln, aber das kam mir dann doch extrem vor. ;)

  3. Oli says:

    Ein toller und zugleich beklemmender Text, Florian. Manchmal denke ich, dass man manchen Europäern Zwangsurlaub in Indien verdonnern müsste, damit sie einmal sehen, was echte Probleme sind.

    Was mir aber am meisten bedrückt, dass bei uns „Probleme“ hochstilisiert werden, um dann irgendwelche Regeln durchzusetzen, die letztlich allen schaden. Als Politiker muss man nur sagen „es dient der Sicherheit“ und sofort findet man Anhänger für den grössten Unsinn.

    Nun wird in Europa zum Beispiel diskutiert, ein ESTA-ähnliches System einzuführen, was letztlich nur die Kosten für Reisende unnötig erhöht und ein paar Leute reich machen wird. Auf die tatsächliche Sicherheit hat es keinen Einfluss.

    Antworten
  4. Hopi says:

    Hey Florian… kann deinen Beitrag nur bestätigen …Obwohl….die gesehene Armut ist nicht immer die wirkliche Armut.

    Ein „Bettler“ in Delhi hat mir mal nach ein paar Bier die wir zusammen getrunken und ich bezahlt habe, vorgerechnet was er so pro Tag von den Touristen bekommt. Der arme Bettler lebt besser als viele die Arbeiten gehen. Darum auch meine „Wahrung“ an alle die in Asien reisen, nicht jeder Bettler ist wirklich arm.

    Gruss
    Hopi
    http://www.hopistravel.blogspot.com

    Antworten
    • Hi Hopi,

      es gibt ja viele solche Geschichten über falsche Bettler und zwangsamputierte Kinder, siehe auch die Anfangsszene in dem Film Slumdog Millionaire. Wenn auch nur 1% davon wahr ist, bestätigt das nur den Ratschlag in Indien Bettlern nichts zu geben, schon gar nicht in einem touristischen Umfeld. Spenden ist besser.

      Aber mir geht es in dem Text weniger um die sichtbaren Bettler. Du stolperst als Backpacker oft genug in Armenviertel, die garantiert nicht gestellt sind. Einige schwarze Schafe vor dem Taj Mahal und dem roten Fort in Delhi ändern nichts daran, dass die Armut echt ist und extrem.

      Als ich vor ein paar Jahren den größten Slum Asiens, Dharavi in Mumbai besuchen wollte, habe ich mehrmals nach dem Weg gefragt. Als dann jemand meinte ich wär schon drinnen musste ich erstmal schlucken. Das sieht nicht anders aus als die allermeisten Ecken in Indien und ist nur im direkten Vergleich mit der Skyline vom Nariman Point ein Slum.

  5. Ulrike says:

    Hallo Florian,
    danke für Deinen ehrlichen Artikel, der so anders ist als die, in denen das Land und die Menschen verklärt werden.
    Ich danke Dir auch, dass Du davon abrätst, Betllern und/oder Kindern etwas zu geben. Weder in Indien noch sonstwo auf der Welt macht das wirklich Sinn.
    Der einzige Weg, der wirklich hilft, ist es, einer Organisation zu helfen/Spenden, der man vertraut.
    Ich persönlich habe mich dazu entschieden, statt Geld Zeit zu spenden: Ich helfe ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission in Hamburg. So kann jeder etwas tun, auch derjenige, der selbst kein oder nur wenig Geld hat.
    Meine Gedanken zu findest Du hier: http://bambooblog.de/2015/07/29/bettler/
    (wenn’s nicht passt, bitte den Link löschen)
    Beste Grüße
    Ulrike
    p.s. werde Deinen Artikel auch mal verlinken :)

    Antworten
    • Danke für Dein Feedback Ulrike.

      Bei den Bettlern hart zu bleiben ist leider oft nicht so einfach. Ein Euro tut einem Touristen nicht weh. Aber wie Du schreibst, die Folgen sind nicht abschätzbar und womöglich negativ. Langfristig gesehen fällt es mir schwer gute Gründe zu finden.

      Wenn jemand wirklich nix hat und am Hungertuch nagt, kann man eine Mahlzeit ausgeben. In Indien muss das quasi zwangsweise Streetfood sein, weil selbst die billigsten indischen Restaurants mit Thalis für 40 Rupien Bettler nicht bedienen wollen.

  6. Petra says:

    Hallo Florian,

    ein sehr empathischer und nachdenklicher Artikel. Bin gerade von Krabi nach Hua Hin gereist und hab mich ein bisserl genervt von den tun tuk Fahrern, Moped Fahrern, Taxifahrern gefühlt. Nach aussen bin ich immer sehr freundlich, weil ich weiss, sie wollen halt auch leben.

    Es ist und bleibt ein schwieriges Thema, dennoch bin ich auch der Meinung, man braucht nicht viel Geld um glücklich zu sein.

    Indien ist ein schaurig schönes Land. Ich war mal mit einem Inder zusammen. Er hat als Arzt in Indien so um die 170 Euro im Monat verdient, kein Wochenende frei und verdient jetzt in UK ein Schweinegeld.

    Ihn nervt dieses ‚weisse Betroffenheitsgetue‘, er selbst unterstützt aber niemanden in seiner Familie. Armut ist etwas, darüber wird nicht gesprochen, alles was zählt ist Status und Erfolg. Er sagt auch, dass der Kolonialismus immer noch nachwirkt und die Inder sich zum teil ebenso behandeln.

    Alles Liebe dir
    Petra

    Antworten
    • Also Tuk Tuk und Taxi Fahrer waren mit dem Text eher nicht gemeint. Gerade im drittbuddhistischsten Land der Welt sollten die Thais mal den achtfaltigen Pfad vertiefen, besonders wenn es um den „rechten Lebenserwerb“ geht.

      Das mit dem weißen Betroffenheitsgetue trifft schon ins Schwarze. Dass ein Inder damit nix anfangen kann verstehe ich auch. Indien ist schon eine Ellenbogengesellschaft.

      Dass er seine Familie nicht unterstützt ist aber eher untypisch, oder? Ich lobe immer die starken Familienstrukturen, wenn ich mit Indern rede. Ist vielleicht auch n bissl viel Romantik von meiner Seite…

  7. Was für ein Zufall: Gerade lese ich in der Zeitung einen Artikel über die Entwertung der Geldscheine – fünf Minuten, nachdem ich Deinen Blogartikel gelesen habe. Danke für den ehrlichen Beitrag!

    Antworten
  8. Julia says:

    Lieber Florian,
    ich danke dir für diesen knallharten, wunderbaren, ehrlichen Artikel! Ich fliege Ende Dezember nach Indien und verschlinge zur Zeit jeden Text, den ich über dieses faszinierende Land finden kann. Besonders die überraschende Währungsreform hat mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Dein Bericht gibt einen super Einblick!
    Alles Liebe und weiterhin eine gute Zeit,
    Julia

    Antworten
  9. Chris says:

    Hallo Florian,
    Ich verfolge schon eine Weile deinen Blog und fand ihn auch sehr hilfreich zur Vorbereitung unserer Weltreise. Meine Freundin und ich haben im Oktober in Nepal begonnen und sind Ende Oktober in Indien/Varanasi angekommen und bis Ende Dezember noch im Land. Für mich ist es bereits das zweite mal das ich Indien bereisen und es braucht immer noch eine gewöhnungsphase mit diesem Land klar zu kommen. Wenn man das gröbste aber erst mal verdaut hat, geht es einem aber zum Teil wirklich so wie du es beschreibst und damit meine ich die Armut. Wir haben komischerweise von zwei Amerikanern erfahren, dass die Regierung die Aktion mit der Demonitization plant und zwei Tage später hat die Realität zugeschlagen. Auf die lange Sicht gesehen könnte es auch zu Vorteilen gegenüber den Armen kommen, wenn die Regierung die neu eingenommenen Steuern richtig verteilt, was ich jedoch anzweifle. Aber das was momentan im Land geschieht ist nicht tragbar und es gab auch keinen Notfallplan. Wir mussten selbst an mehreren Tagen und das stundenlang anstehen, um überhaupt Glück zu haben, selbst an Geld zu kommen. Ich war ergriffen über das was man vor den Banken zu Gesicht bekommt. Es trifft aber stets nur die Armen, die daran verzweifeln, die Familie zu ernähren, oder der normale Bauer der dringend Saatgut kaufen muss, um die bevorstehende Ernte vorzubereiten, was wiederum zur nächsten großen Krise führen könnte, wenn die Nahrungsmittel knapp werden. Aufjedenfall, hab ich nie irgendwelche reichen zu Gesicht bekommen….So viel dazu! Wir mussten unsere Reise auch anpassen, um irgendwie an Geld zu kommen. Zur Zeit sind wir den Norden entflohen und befinden uns in Goa, wo es etwas entspannter zugeht.

    Ich hoffe deine Situation hat sich im Norden etwas entspannt, oder herrscht dort noch Chaos?

    Lange Rede kurzer Sinn……Ich fand deinen Beitrag absolut ehrlich und Stimme voll und ganz zu. Vorallem wenn man diese Aktion hautnah miterleben darf.

    Mach weiter so.

    Grüße Chris

    Antworten
    • Ne also mit einem Mercedes ist niemand vor der Bank vorgefahren während ich gewartet habe. Das erwarte ich in Indien auch gar nicht mehr, die Upper Crust hat ja bessere Kanäle als die offiziellen.

      Gut, dass Ihr Eure Reise entsprechend anpassen konntet. So ist Indien nunmal und wir sind ja keine All Inclusive Touristen mit Geld-Zurück-Garantie ;)

      Hier im Norden ist es etwas besser geworden, aber 2.000 Rupien zu bekommen ist immer noch ein Problem. In Varanasi wusste der Guesthouse Besitzer wann einer der ATMs aufgefüllt wird und ich bin da mehrmals hingehetzt. Ne Stunde später war das Geld nämlich schon wieder alle.

      Hier in Bodhgaya hatte ich heute morgen einmal Glück und bin jetzt hoffentlich für den Rest der Reise mit Bargeld versorgt. Das Problem ist jetzt nur noch meine 2.000er klein zu machen. Die nimmt ja kaum jemand. Kein Wunder, 200 Rupien sind hier in Indiens ärmsten Staat Bihar ja schon extrem viel Geld…

      Schöne Reise noch!

  10. Caro says:

    Lieber Flo,

    einen wunderbaren Artikel hast du mal wieder geschrieben – klasse recherchiert und toll reflektiert!

    „Der viel beschwörte faule Hartz-IV-Empfänger ist auf einer Wohlstands-Skala bei 9 und der Millionär bei 10. Der obdachlose Inder ist bei 1, ohne sauberes Trinkwasser. Und er bleibt dort, egal was er tut.“

    Dieser Abschnitt hat mir am besten gefallen. Armut auf Reisen hat mich auch schon sehr oft über genau diese Tatsache nachdenken lassen. Bei meiner ersten großen Reise hat es mich 2012 für einen Stopover nach Bankok gezogen – ich war erschüttert über Menschen, die unter der Brücke schliefen. Bis dahin kannte ich nur Bettler in europäischen Großstädten… Und denen geht es verdammt gut, wenn ich an Obdachlose in Thailand oder Marokko denke.

    Indien steht bei mir noch ganz weit oben auf der Liste und ich bin gespannt, was mich dort erwartet. Danke für deinen Artikel, der das Land aus einem interessanten Blickwinkel beleuchtet!

    Schöne Grüße,
    Caro

    Antworten
    • Danke Caro.

      Interessant, der Vergleich mit Bangkok. Ich war gerade einige Wochen auf dem buddhistischen Pilgerweg in Nordindien unterwegs, wo Thais unter den Indern als sehr reich gelten. Wer sich in Thailand so eine Pauschalreise leisten kann hat natürlich mehr Geld als normale Thais. Trotzdem finde ich, dass es den Thais im Vergleich zu Indern sehr gut geht. Thailand unterhält hier in Nordindien auch mehrere kostenlose Krankenhäuser und Schulen glaube ich auch.

      Bangkok entwickelt sich sehr schnell. Bei meinem ersten Besuch 2010 sah es noch ganz anders aus mit Obdachlosen. Ich will nicht behaupten, dass heute niemand mehr unter der Brücke schläft und mit Khlong Toei gibt es immer noch einen großen Slum mitten in der Innenstadt. Aber ich finde Bangkok ist auf dem richtigen Weg. Wenn Du nochmal meine Homebase Bangkok besuchst wirst Du sicher Unterschiede feststellen.

      Das kann ich über Indien nicht sagen. Da scheint alles noch genau so schlimm wie vor 5 Jahren. Genau diese Perspektivlosigkeit hat mich diesmal sehr bedrückt, weil sich aus meiner Sicht einfach gar nichts tut.

      Grüssle,
      Flo

    • Caro says:

      Lieber Flo,

      das stimmt natürlich – wir waren dieses Jahr nochmal in Bangkok und da hat sich schon einiges getan!
      Ich wollte eigentlich auch nur darauf hinaus, dass es wirklich krasse Unterschiede gibt, derer man sich gar nicht so bewusst ist, wenn man Europa noch nicht verlassen hat. Vor Indien habe ich genau aus dem Grund ehrlich gesagt schon fast etwas Angst, das wird sicher noch eine ganze Spur härter… Zumal ich bei sowas sowieso immer sehr sentimental reagiere und ich ganz schlecht mit Bettlern etc. umgehen kann…

      Schöne Grüße,
      Caro

    • Hi Caro,

      war net bös gemeint, bei Bangkok reagier ich schnell mal persönlich ;)

      Angst wollte ich nicht machen. Indien ist zwar in der Hinsicht ein wenig ein Sprung ins kalte Wasser, aber wenn es zu viel wird gibt es auch Orte mit wenig bis keinen Bettlern. Stressig sind die Großstädte. Die sollte man in Indien sowieso besser meiden bis auf Mumbai.

  11. Renate says:

    Hallo Florian,

    ich komme gerade aus Südindien zurück und habe meine Erfahrungen verarbeitet, auch wenn wir nur pauschal gereist sind und uns wenig Gedanken machen mussten. Überall haben wir die endlos langen Warteschlangen gesehen. Es war fast unmöglich an Bargeld ranzukommen. Die Menschen stehen stundenlang in der Hitze. Es grenzt für mich an ein Wunder, dass alles noch so ruhig abgeht!

    Wir waren zum 4. Mal in Indien. Dieses Land fasziniert und erschreckt gleichermaßen. Es ist so vielseitig, wir können es kaum erfassen.

    Den Umgang mit Bettlern muss man lernen. Kindern sollte man nie etwas geben. Es ist wirklich besser, Organisationen gezielt zu unterstützen.

    Liebe Grüße
    Renate

    Antworten
    • Mich wundert auch die Seelenruhe, mit der Inder alles einfach ertragen. Woanders hättest Du nen halben Bürgerkrieg mit so einer Aktion.

      Leidensfähigkeit ist ein sehr nachahmenswerter Teil der indischen Mentalität, aber ich finde die Inder gehen manchmal zu weit.

  12. Rebecka says:

    Danke, dein Artikel ist wirklich sehr ehrlich und dürfte viele Menschen zum nachdenken anregen. Ich finde ja auch, dass man die Welt anders sieht, wenn man mal über den europäischen Tellerrand hinaus geschaut hat. Wenn man Armut gesehen hat, kann man sie sich auch zB in den Nachrichten besser vorstellen und bleibt nicht unberührt davon. Ich war mit 11 bei einem arabischen Mädchen genauso schockiert wie zehn Jahre später, als ich in Ungarn eine bettelnde Zigeunerfamilie gesehen habe. Das geht mir direkt bis ins Herz. Wenn ich dann Leute treffe, die hier im Defereggental jammern, dass sie zu wenig Geld haben, muss ich fast lachen – wenn es nicht so traurig wäre. -.-

    LG Rebecka

    Antworten
  13. Ariane says:

    Lieber Flo,
    danke für diesen spannenden, reflektierten und gut recherchierten Artikel!

    Ich war noch nie in Indien, kenne nur die Situation in Lateinamerika. Vielleicht sagt dir das Buch „Die elementaren Formen der Armut“ von Paugam etwas? Er schreibt, dass man zwischen integrierter und marginaler Form der Armut unterscheiden muss: In Ländern wie beispielsweise im Mittelmeerraum oder eben in Lateinamerika ist Armut zum einen so verbreitet und das Sozialsystem zum anderen so gering ausgeprägt, dass die Menschen sich untereinander helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Jeder weiß, dass Armut etwas ist, das jedem passieren kann. In Ländern wie beispielsweise den USA sind nur wenige Menschen arm, und diese sind im öffentlichen Bild relativ unsichtbar. Das führt zu dieser Einstellung, die Menschen wären selbst schuld an ihrem Unglück, die du auch beschreibst. Diese Ausgrenzung gibt es teils auch in Deutschland – da man sich mit dem Gedanken, die entsprechende Sozialhilfe steht ja zur Verfügung, ganz abschotten kann vom Mitleid gegenüber Menschen, die in schwierigen Situationen stecken.

    Sehr interessant ist dabei deine Feststellung, dass Indien nicht in diese Kategorien fällt. Einerseits gibt es kein funktionierendes Sozialsystem, die Armut ist weithin öffentlich sichtbar, und dennoch gibt es scheinbar wenig Unterstützung und Mitleid. Verrückt und sehr traurig, wie hier das Kastensystem die Politik und die Einstellungen der Menschen immer noch prägt. Ich frage mich, ob sich so überhaupt etwas in der Zukunft ändern kann – den Stopp extremer Armut und das Schaffen von minimalen Existenzbedingungen ist meiner Meinung nach doch eine Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung, die möglichst alle mitnimmt.

    Viele Grüße,
    Ariane

    Antworten
    • Hi Ariane,

      ich hoffe der Text stellt Indien nicht hoffnungsloser dar als es ist.

      Es gibt zwar kein soziales Netz, aber Inder helfen sich schon untereinander, allen voran natürlich in der (Groß-)familie. Das ist auch ein Grund, warum es in Indien wichtig ist viel Nachwuchs zu haben. Das Dogma Kinder in die Welt zu setzen wird auch außer von ein paar Städtern überhaupt nicht hinterfragt. Eine halbe oder besser eine ganze Fußballmannschaft mit den eigenen Nachkommen auf die Beine zu stellen scheint allgemein als Sinn des Lebens akzeptiert und ich als Mittdreißiger ohne Kinder werde extrem bemitleidet.

      Das macht die Armut natürlich nicht besser, ganz im Gegenteil. Aber es ist zumindest nicht so, dass man völlig allein dasteht. Wenn der Onkel keinen Job mehr hat, dann wird er eben vom Rest der Familie mitversorgt. Man lebt ja eh zusammen im gleichen Haus. Auch die Rente ist insofern in Indien durch eine möglichst große Zahl von Kindern gesichert. Außerhalb der Familie kann ich mir vorstellen, dass auch im gleichen Dorf geholfen wird, aber das sehe ich als Tourist nicht.

      Selbst außerhalb von Familie und Dorf wird es als gute Tat gesehen einem Armen etwas zu geben. Das macht man vielleicht nicht jeden Tag, aber wenn man kann schon manchmal. Die Bettler sind zwar vermehrt auf Touristen aus, weil die durch Mitleid zu knacken sind, aber auch Inder sind Ziele. Inder geben auch, wenn auch für unser Verständnis ziemlich mechanisch, scheinbar ohne Betroffenheit. Ich habe leider keine Ahnung was der Hinduismus dazu sagt, aber im Buddhismus kann man durch so eine gute Tat sein eigenes Karma aufbessern.

      Ob Indien also außerhalb von Paugams Kategorien fällt ist damit wahrscheinlich immer noch nicht klar. Ganz schwarz und weiß ist es zumindest nicht.

      Grüssle,
      Florian

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