MTB Alpencross: Der böse Bauer vom Brenner Grenzkamm

Um meinen neuen Weltreisepartner besser vorzustellen, soll Greg selbst zu Wort kommen. Das ist selten genug. Greg ist einer der wenigen Menschen, die das erzählen, was sie wissen und dann schweigen.

Hier beschreibt Greg das Abenteuer mit dem bösen Bauern vom Brenner Grenzkamm bei unserem 2006er Mountainbike Alpencross.
 

Mountainbiker Gegenverkehr
Gegenverkehr so früh am Morgen?

UNSERE BEGEGNUNG MIT DEM BAUERN
Ein Erlebnisbericht von Greg

Hi Leute,

hier schildere ich meine Begegnung mit dem Bauern letzte Woche, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Es war unsere dritte Alpencrossetappe auf dem Weg von Lenggries zum Gardasee. Wir übernachteten kurz vor dem Brenner in Nößlach im Humlerhof (sehr zu empfehlen). Bis kurz vor dem Frühstück hab ich noch nie was von einem Bauern gehört, bis einer meiner zwei Mitfahrer plötzlich die Wirtin fragte, wie die Situation mit dem Bauer dieses Jahr sei. Sie erwiderte, sie hätte dieses Jahr noch von keinen Problemen zwischen Radfahrern und dem Bauern gehört. Wir sollten es doch einfach versuchen. Ich wusste nicht wovon sie redeten. Scheinbar sollte es ein Privatgrundstück geben durch das unsere Route verläuft. Die Durchfahrt mit dem Fahrrad wäre aber legal. Auch meinte sie der Bauer würde inzwischen Geld vom Tourismusverband bekommen um die Radfahrer durchzulassen.

Achtung Staatsgrenze

So weit so gut. Wir waren gespannt was uns erwarten würde. Erstmal mussten wir das Stück Straße runter nach Vinaders und auf der anderen Seite wieder hoch auf einer Schotterpiste zur Sattelbergalm. Von dort aus ging es weiter, in der Beschreibung stand was von eher rechts halten. Der Weg wurde immer schmäler und verläuft sich irgendwann als Trail. Nach kurzer Zeit kamen wir an einen Stacheldrahtzaun mit Schild „Achtung Staatsgrenze“ und einem „Radfahren verboten“ Schild. Hier musste es also sein. Im selben Moment kam uns eine Gruppe von etwa 6 Radfahrern von der anderen Seite entgegen, die anscheinend zurück geschickt wurden und sie meinten: „Da war eine wütende Frau, die wollte uns nicht durchlassen“.

Stacheldrahtzaun mit dem Rad
Greg stürmt die Bauernfestung

Wir wollten es aber trotzdem versuchen. Mir war ja schon etwas mulmig, aber meine Mitfahrer behaupteten wir wären im Recht und der Bauer könnte nix machen. Also Räder und uns selbst über den Zaun gehoben und weiter. Nun waren wir in Italien. Um bessere Chancen zu haben dass sie uns nicht zurückschicken, machten wir aus, dass wir uns als Franzosen verstellten. Ich kann zwar kein Französisch aber egal. Meine Mitfahrer meinten sie würden das schon regeln. Nach etwa 50m Waldtrail kam ein Bach der in einer Linkskurve überquert wurde. Hier musste man schieben. Nach weiteren 30m lauerte sie tatsächlich hinter einem Hang. Schimpfend und wild mit einem Wanderstock in der Hand fuchtelnd schrie sie „ZURUCK! ZURUCK! Wehe ihr geht’s weiter. Da hinten wartet mein Mann.“ Wir versuchten sie auf Französisch zu bequatschen, wurden dann aber eingeschüchtert und haben uns langsam getrollt.

Also kurze Lagebesprechung. Nach kurzem hin und her waren wir überzeugt. Wir müssen da durch. So steht es auch in der Beschreibung. Unsere Etappe war schließlich noch sehr lang, denn wir wollten noch bis zur Schneeberghütte und für Alternativen hatten wir keine Zeit. Der Plan war diesmal ohne irgendwas zu sagen einfach durchzurennen. Die Alte kommt uns eh nicht hinterher. Also wieder vor zur Linkskurve über den Bach und dann auf die Wiese, wo die Alte uns schon wieder erwartete. Sie erkannte uns natürlich. „Seids ihr jetzt schon wieder da. Spinnt ihr jetzt komplett…“. Als wir hastig an ihr vorbeischoben fing sie wild an zu fluchen. Wir fingen an leicht zu rennen, denn sie machte Anstalten ihren Wanderstock gegen uns einzusetzen. Ich wollte weg hier.

ZURUCK! ZURUCK!

Nach etwa 50 Metern, an der Stelle wo der Trail in die Forststraße mündet, die vom Brenner zum Sattelberg heraufzieht, stand dann ihr Mann und sein weißer Geländewagen. Wir mussten also direkt an ihm vorbei. Auch er hatte als Waffe einen Wanderstock in der Hand. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Freundliches. Seine Frau jagte uns von hinten und so wie es aussah liefen wir ihm direkt in die Arme. Einer von uns fluchte etwas auf französisch. Ich konnte mir nur vorstellen was es bedeutete.

Die nächste Minute war zum schreien. Der Bauer stand neben seinem Auto und stellte sich uns in den Weg. Mein Gedanke war, wir müssen da jetzt vorbei, egal wie. Ich ging also einige Meter voraus und versuchte links am Auto vorbei zu kommen. Als er mich von der linken Seite aufhalten wollte, versuchten es meine Freunde von rechts. Er wechselte auf die rechte Seite weil sie dort zu zweit waren. Ich kam vorbei. Rannte etwa 15 m vor, deponierte dort mein Rad und war bereit notfalls den anderen zu helfen falls er gewalttätig werden sollte. Inzwischen kam auch der zweite von uns durch. Unseren dritten Mann hatte er sich jetzt aber vorgeknüpft.

Pampa
Flowie fix und fertig in der Pampa

Der Bauer begann ihn anzurempeln und herumzuschubsen. Seine Frau hatte inzwischen von hinten aufgeholt. Zusammen droschen sie mit ihren Wanderstöcken auf das Rad unseres Mitfahrers ein und versuchten ihn davon abzuhalten die Stelle zu passieren. Mein Kumpel fluchte wieder auf französisch und die Bauersfrau versuchte es zu wiederholen, was sich ziemlich peinlich anhörte. Zwischendrin schrie sie immer wieder „ZURUCK! ZURUCK!“ Nach kurzem hin und her, ich war bereit zu helfen, sagte die Frau. „Lass ihn gehen“. Der Bauer holte sein Handy raus und tat so als würde er jemand anrufen wollen. Dies stellte sich aber schnell als Attrappe heraus. Unser dritter nutzte diese kurze Zeitspanne, als sie von ihm abließen, aus und rannte durch. Wir waren ziemlich außer Atem, ich sagte nur „Wir müssen weg hier!“ und schwangen uns auf unsere Räder und begannen die Forststraße in Richtung Sattelberg hochzukurbeln.

Der Bauer ließ sich aber nicht so leicht abschütteln. Kaum 30s auf dem Rad hörten wir Motorengeräusche, er will uns also mit dem Jeep verfolgen. Ich hatte Angst. Mein Puls war so hoch wie niemals zuvor auf dieser Tour. Als wir zurückblickten und er immer näher kam, sind wir vom Weg runter und ab ins Unterholz. Nach ein bischen rumstreunen im Gelände hielten wir hinter einer Baumgruppe an, um uns von der Hetzjagd zu erholen. Oben sah man die Straße und sein Auto, der Bauer stand mit seiner Frau daneben und fluchte. Nach kurzer Zeit gingen wir weiter mitten durch die Pampa, die Räder teils schiebend, teils tragend.

Wir versuchten uns so gut wie möglich parallel zur Straße zu halten, querten unterhalb der Sattelalm über Kuhweiden. Wir wussten dass die Straße ab der Alm (wohnt der Bauer da?) in Kehren nach oben zum Sattelberg zieht. Unser Plan war etwas links davon im Gelände aufzusteigen und bald wieder auf die Straße zu kommen, ohne dass der Bauer uns bemerkt. Wir merkten langsam, dass das Aufsteigen in der Wildnis ziemlich kraftraubend ist. Wir hörten immer wieder Motorengeräusche und fluchende Stimmen. Wir versuchten uns leise zu verhalten und flüsterten.

Endlich oben

Nach einiger Zeit stießen wir wieder auf die Straße. Doch kaum fuhren wir 20m sahen wir hinter einer Kurve sein Auto wieder. Er schien uns aber nicht zu bemerken. Also wieder ab ins Unterholz. Am besten diesmal für immer. Wir versuchten nun uns irgendwie in Richtung Sattelberg nach oben durchzuschlagen. Im Gelände fanden wir teilweise Radspuren. Von Vorgängern? Die Geräusche des Bauers entfernten sich zum Glück langsam. Als wir oben auf dem Sattelberg ankamen, waren wir dann doch froh dieses Hindernis geschafft zu haben. Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass wir einiges an Zeit verloren hatten. Immerhin waren wir so 2-3 Stunden auf dem Grundstück des Bauers.

Die Etappe wurde noch lange. Die Grenzkammstraße zog sich. Kurze Rast in Gossensaß. Wir waren erst um 17 Uhr in Sterzing, und hatten noch 2000 Hm bis zur Hütte vor uns. Versuchen wollten wir es. Stirnlampen hatten wir ja dabei. So standen wir dann abends um 10 in völliger Dunkelheit und Nebel auf der 2700m hohen Schneebergscharte. Zum Glück konnte man die Markierungen im Licht der Lampen einigermassen erkennen und eine Stunde später erreichten wir heil die Hütte. Diese ist sehr zu empfehlen. Eine Schutzhütte renoviert aus einem alten Bergwerkshaus.

Ich weiß nicht ob ich dem Bauer nochmal begegnen will, zugetraut hätte ich ihm alles. Zum Glück sind wir nicht in Amerika wo jeder einen Waffenschein hat, dann wäre es sicher anders ausgegangen.

Brenner Grenzkamm
Rückblick zum Brenner Grenzkamm
Danke Greg für diese Geschichte. Du solltest mehr schreiben! Der fluchende Franzose war übrigens ich. Hier sind noch weitere Bilder vom 2006er Alpencross.

Der Bauer ist angeblich inzwischen einem Herzinfarkt erlegen. Man munkelt es ist bei der Biker Jagd passiert.
Er möge in Frieden ruhen!

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Die Geschichten von dem Bauern sind immer wieder lustig zu lesen. 2-3 Stunden für das Grundstück ist schon eine reife Leistung.

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