Bis Mitte letzten Jahres hat sich mein Mitbewohner damit begnügt Lügen in die Welt zu setzen. Dann hat er ein Kind in die Welt gesetzt. Fassungslos macht mich das nicht zuletzt, weil ich von seiner Tochter und seiner mehrjährigen Beziehung erst jetzt durch Zufall erfahren habe.
Drei Jahre schon bekomme ich in meiner eigenen Wohnung tiefe Einblicke in eine menschliche Tragödie. Mein Mitbewohner ist ein absoluter Suchtmensch, es gibt nichts was er auslässt. Natürlich habe ich versucht helfend einzugreifen, aber ich bekam so oft “Das geht dich nichts an!” zu hören, bis ich es geglaubt habe.
Und ob es mich etwas angeht!
Ich bin tagelang der einzige Mensch, den er zu Gesicht bekommt. Anders als seine Eltern weiß ich, daß er nicht studiert, daß er nicht nur viele Zigaretten raucht und daß täglich unzählige leere Bierflaschen dazukommen. Anders als seine Eltern weiß ich jetzt von einer World of Warcraft-Zockerin, die ihm eine Tochter geschenkt hat. Eine junge Mutter, die sich wundert warum von den Großeltern immer nur schöne Grüße kommen.
Und was mache ich mit meinem grandiosen Wissen und meiner noch grandioseren Selbstgerechtigkeit?
Ich setze ihn vor die Tür, denn ich kann ihm nicht helfen. Und wenn er draußen ist, dann petz ich bei seinen Eltern, weil er es selbst nicht tun will. Seine immer freundlichen Eltern, die ihm vielleicht als Einzige noch helfen können.
Ich möchte im Boden versinken für die Mitschuld, die ich an dieser Katastrophe trage.
Da will ich die Welt verbessern und schaffe es nicht einmal vor meiner eigenen Zimmertüre zu kehren.
“Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen”, sagte der Fuchs. “Aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich …”“Ich bin für meine Rose verantwortlich …”,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
(Antoine de Saint-Exupery – Der kleine Prinz)
Nichtsdestotrotz viel Spaß da auf der Insel…
Hallo,
mich würde ehrlich interessieren, wie es weiter gegangen ist, gerne auch per Mail. Ich finde es wirklich gut, dass Du Verantwortung übernehmen möchtest.
Grüße
W.