Das mit Duisburg wurde leider nix, stattdessen bin ich am Sonntag in Erfurt gefahren. Erfurt war der erste Mittelstreckenmarathon ohne technischen Defekt seit meinem allerersten Mittelstreckenmarathon überhaupt vor zwei Jahren. Durch das Fehlen selbstgemachter tragischer Momente drängt sich eine Geschichte über Erfurt geradezu auf.

Einen selbstgemachten tragischen Moment gibt es dennoch: Ich hab mich nachgemeldet und als der Start näher rückt kommt die Erkenntnis, daß das große “D” auf meiner Startnummer nicht für Deutschland sondern für den Startblock D steht. Alle Nachmelder stehen im Startblock D, der wie zu erwarten hinter den Startblöcken A, B und C liegt. Ich habe meinen Bedarf an späten Starts bereits letzte Woche in Wombach gedeckt und bin nicht scharf darauf wieder bange Minuten zu warten bis Bewegung in die Menge kommt. Frech genug mich in einen anderen Startblock zu stellen bin ich aber auch nicht. Ein unverzeihlicher Fehler, nicht zuletzt angesichts des gleichzeitigen Starts von Kurz-, Mittel- und Langstrecke. Insgesamt sind es über 600 Starter.

D wie Depp
Zumindest in meinem Startblock will ich vorne stehen und steige nach dem Warmfahren über die Bande. Der Biker, der am nähesten steht, hilft mir mit meinem Rad und will meine schwarze Schönheit gar nicht mehr absetzen, als er sie in den Händen wiegt. Er schaut mich kurz an, als wär ich der Mann im Mond und ein wenig fühl ich mich auch so, umgeben von lauter sackschweren Fullies.
Die Zeit wird fairerweise erst ab der tatsächlichen Durchfahrt durch den Startbogen genommen, ich brauche laut offizieller Zeitmessung zwei endlos gedehnte Minuten und fünfzehn Sekunden, bis ich ihn erreicht habe.


00:06 02:30
Belohnt werde ich mit dem Blick auf ein nicht enden wollendes Heer von Mountainbikern, das in den breiten Straßen Erfurts in die Schlacht zieht. Richtig genießen kann ich die Aussicht nicht, schließlich muss ich an denen allen vorbei.
Der erste Anstieg bis zur Panzerstraße ist neutralisiert, mit Überholverbot für das Führungsfahrzeug. Obwohl ich Vollgas gebe und mal links, mal rechts am gemütlich dahinrollenden Feld vorbeiziehe bekomme ich das Führungsfahrzeug nicht zu Gesicht. Die Hoffnung eine gute Gruppe zu erwischen sinkt. Auf der Panzerstraße resigniere ich schließlich angesichts der fehlenden taktischen Möglichkeiten und nehme etwas Tempo raus. Meine Gruppe fährt wahrscheinlich 2:15 Minuten vor mir.
In der ersten Trailpassage stürzt mein Vordermann quer über den Weg und schaut mich am Boden liegend verwundert an. Ich habs kommen sehen, halte rechtzeitig an und fahre weiter als ihm nix fehlt.
Der zweite Anstieg gleicht dem ersten, immer noch sind die Leute beunruhigend langsam unterwegs. Von hinten kommt schließlich einer mit richtig Tempo und ich häng mich ran. Der ist mir eigentlich zu schnell aber ich hab keine Wahl und verbeisse mich in sein Hinterrad. Dünn und drahtig ist er, wenn es ebener wird kann ich mich sicher etwas erholen.
Ich behalte zwar Recht, kann aber die willkommene Pause nur kurz genießen. Von hinten hat einer aufgeschlossen und zieht vorbei. Pause hin oder her, das Hinterrad schaut viel zu lecker aus um es ziehen zu lassen.
Die kampflos Überholten werden weniger, das Rennen normalisiert sich endlich. Normal heißt, daß mein Umfeld nun einem Hornissennest gleicht. Auf welligen Schotterwegen im Wald wird viel angegriffen, nachgesetzt und die Form der Mitfahrer getestet. Dies sind meine Lieblingsmomente in einem Rennen und ich kann diesmal jedes Spiel mitspielen. Wahrscheinlich bin ich immer noch zu weit hinten.
Die dritte Phase des Rennens beginnt gute 20 Minuten später, das Feld hat sich sortiert. Ein blaues Trikot mit grüner Startnummer klebt an meinem Hinterrad, der Rest ist abgehängt. Der Hintermann lässt sich nicht lumpen und fährt auch mal vor, so werden wir uns einig. Auf einem Teerstück blickt er sich in dem Moment um, als ich einen Schluck aus der Flasche nehme. Das wäre seine Gelegenheit anzugreifen, aber er lässt es bleiben. Unsere Zweckgemeinschaft ist fürs Erste besiegelt, das Rennen dauert noch lang genug.
Im nächsten Anstieg bekommen wir Fühlung auf eine Zweier Gruppe. Mein Kollege will aufschließen, mir gefällt die Idee. Er hängt sich vorne hin und der Abstand schmilzt langsam, bis am Ende des Anstiegs einer der vielen Streckenposten mit einer Fahne steht und uns bedeutet anzuhalten. Anhalten, jetzt? Das ist doch absurd! Grotesk! Wir sind mitten im Rennen, verdammt! Ein Gefühl wie im Film “Ritter der Kokosnuss”, als ein Polizeiauto den eine Burg angreifenden Lancelot anhält und ihm Handschellen anlegt. Wertvolle Sekunden verstreichen, bis die Zeitchips gescannt sind. Mein Kollege hat seinen hinter der Startnummer versteckt, das sorgt für Verwirrung.
Einige Meter weiter folgt die Verpflegung. Wortlos bekomme ich eine Flasche in die Hand gedrückt, will trinken und ärger mich über eine ungünstig gelegene Kurve. Hinter der Kurve tut sich überraschend eine wurzelige Abfahrt auf, ich warte einhändig auf eine Gelegenheit die Flasche zu verstauen. “Fallen lassen” ruft die Verpflegungsfrau von hinten. Widerwillig lasse ich die frische Beute los und schließe kopfschüttelnd zu meinem Kollegen auf, der die Verpflegung gar nicht beachtet hat. Unser Weg ist gesäumt mit randvollen Getränkeflaschen.
Mein Rennkumpel ist auch im Startblock D gestartet, kommt aus Dresden und fährt Langstrecke. Hätt ich nur nicht gefragt, die Führungsarbeit geht nun hauptsächlich auf mich über. Er fragt dann auch ganz vorsichtig ob das in Ordnung geht, wo ich doch weniger fahren muss. Naja, ich will mal net so sein mit meinem Langstreckenkumpel.
Gemeinsam fahren wir weiter, manchmal auf offenen Feldwegen aber meistens im Wald. In einem trailigen Anstieg taucht eine sehr langsame Gruppe Biker mit Rucksäcken auf. Teils schieben sie und ich rufe ungehalten “Achtung, aus dem Weg!”. Müssen diese Sonntagsfahrer denn gerade heute auf unsere Strecke? Als ich zurückblicke sehe ich ihre Startnummern und mir dämmert, daß ich gerade ein paar langsame Kurzstreckler aufgescheucht habe. Ich schäm mich.
Schon den dritten bedauernswerten Fahrer seit Beginn seh ich mit Panne am Rand stehen, diesmal ein orange-weißes Trikot. Auf dem folgenden Feldweg mit Gegenwind bin ich minutenlang Anführer einer 3er Gruppe, als der Pannengeplagte mit einem Trikot vom “Fitnessstudio Vollfit” aufholt. Nach einer Kurve ist es vorbei mit dem Gegenwind und er zieht vorüber. Das Fitnessstudio ist zu empfehlen, wir müssen einige Minuten später reißen lassen.
Die zweite, nicht mehr ganz so ungünstig platzierte Verpflegungsstelle und ein zweiter nerviger Chipscanstop liegen hinter uns, als sich bei mir erste Anzeichen von Wadenkrämpfen bemerkbar machen. Gerade jetzt versucht mein Langstreckenkumpel mich zu überreden mit ihm Langstrecke zu fahren. Man kann sich offenbar in Erfurt noch mittendrin für eine andere Distanz entscheiden, deswegen auch der gemeinsame Start. Er sagt, er kennt die lange Strecke, sie soll fast nur eben verlaufen.
Ich lehne dankend ab.
Bald kommt dann auch die Streckenteilung. Wir verabschieden uns und ich bin ganz allein auf weiter Flur. Immer wieder werf ich einen Blick zurück, aber niemand kommt von hinten und vor mir ist auch keiner. Ich versuche mein Tempo zu halten, allein fällt das schwerer. Ich bin der letzte Mensch auf der Welt.


letzter Mensch auf der Welt
Es geht die Panzerstraße zurück, vor zwei Stunden musste ich noch rechts im Gras überholen, weil hier so viel los war. Hinter mir hängt auf einmal jemand, wo kommt der denn her? Ich hab mich doch gerade noch umgeschaut. Schon zieht er an, ich hab nicht den Hauch einer Chance. Vielleicht hatte er ne Panne? Ne richtig üble Monsterpanne?
Die letzten 4km stehen angeschrieben, eine Streckenpostin leitet mich zum Abschluss auf schöne Trails. Ich fühle mich an ein Cross Country Rennen erinnert, als es mehrfach unvermutet um 180° Kurven geht. Jedes Mal falle ich darauf rein und darf nach Vollbremsung aus dem Stand antreten. Man kann schon den Moderator im Ziel hören und nach einer fiesen Rechtskurve geht es endlich Richtung Schlussanstieg. Die Zuschauer werden gerade zum Applaudieren ermuntert als ich in den Anstieg fahre. Mein Applaus! Die letzten Meter drücke ich durch und der Moderator meint gleich, daß ichs mir wohl falsch eingeteilt hätte.
Pah! Was soll ich denn machen als letzter Mensch auf der Welt! (-;
Ein letztes Mal werde ich von einer Chipscannerin aufgefordert anzuhalten. Dieses Mal tu ichs gerne. Wie an der Supermarktkasse bekomme ich einen Beleg. Platz 20 steht drauf, schwarz auf weiß.

Vielen Dank für ihren Einkauf!